Mein kleiner Shitstorm: Über Lehrmeinungen im Sport

Das ist schon fast geil. Erst seit wenigen Wochen bestücke ich tacko!Seppo, sodass die Seite noch weit entfernt ist von einem umfassenden Wissensfundus rund um Kraft- und Laufsport. Wohin die Reise mal gehen wird, weiß ich selbst nicht, weiß aber, wie andere mal angefangen haben. Aber prompt fange ich mir einen kleinen Shitstorm ein.

Frei von Dogmen

„Dogmenfrei“ soll das hier alles sein, habe ich mir auf die Fahne geschrieben, wohlwissend, dass das eine Gratwanderung ist, da man sich selbst im simplen Laufsport hin und wieder festlegen muss. Dass das hier alles auf einer subjektiven Sichtweise basiert, dürfte auch klar sein. Jedes verdammte Foto hier zeigt: mich! Die Seite trägt meinen Namen! Wo es geht, betone ich die Subjektivität des Ganzen! Und dennoch haben zwei Texte dieser Seite in sozialen Medien zu einem Shitstorm geführt, mindestens zu einer teilweise niveaulosen und unreflektierten Diskussion. Gestern habe ich darüber nachgedacht, es einfach zu lassen, da mir womöglich das dicke Fell dafür fehlt. Dann aber dachte ich, jetzt erst recht. Ich ziehe Erkenntnisse für mich und das weitere Vorgehen daraus und bleibe bei meinem Ziel, einfach nur etwas Spaß am Sport zu verbreiten. Der Ernst des Lebens findet woanders statt.

Worum geht’s?

Hierum: Nachdem ich über Functional Training geschrieben hatte, nahm die Empörung ihren Anfang. Und ich würde darüber schmunzeln, wenn mir diese Veranstaltung hier nicht am Herzen liegen würde. Jener Text wurde von einigen falsch verstanden, und zwar vermutlich so, wie sie ihn verstehen wollten, um nachher draufhauen zu können. Und natürlich habe ich mich danach gefragt, ob es nicht einigermaßen leichtsinnig von mir war, einen Text zu funktionellem Training, der die Nachteile des klassischen Bodybuildings hervorhebt, in einem Forum für Bodybuilder zu posten! Das war womöglich etwas naiv, ich lerne daraus.

Auf der anderen Seite schreibe ich an keiner Stelle, dass das Stemmen von Gewichten in oder außerhalb von Fitnessstudios ultimativ schlecht, ungeeignet oder schädlich sei. Jedoch wurde mir genau das vorgeworfen. Und da ich mich nicht für den Experten aller Welten halte, ging ich in mich, nahm mir den betroffenen Text noch einmal vor, um die mitunter niveaulos vorgetragene Kritik in ihrem Kern nachvollziehen zu können. Ich zog in der Tat in Betracht, dass ich große Scheiße geschrieben hatte. Andererseits denke ich mir die Dinge nicht aus, ich stütze mich auf Sekundärliteratur (und eigene, subjektive!, Erfahrungen).

Gerne selbstkritisch

Ich stehe nach wie vor hinter jeder Aussage, zumal ich (vielleicht schon im vorauseilenden Gehorsam) an vielen Stellen relativierte. Eben weil es immer mehrere Meinungen gibt und eben weil die Sportwissenschaft allzu häufig mit Studien arbeitet. Zu jedem Dogma findet sich eine passende Studie. Das ist nicht einmal die Kunst. Die Kunst ist es, sich immer alle Seiten anzusehen und das Beste für sich selbst herauszufinden. Ich habe nie geschrieben, Bodybuilding wäre scheiße. Ich habe zwar auf die Vorteile des Functional Trainings verwiesen, aber betont, dass man das klassische Krafttraining nicht dadurch ersetzen sollte, sondern gerne und optional ergänzt! Aber man muss das auch nicht! Wer bin ich denn, einer Kante zu erzählen, er mache alles falsch?! Dass er eine Kante ist, zeigt, dass er weiß, was er tut.

Viele Wege führen zum Erfolg, den jeder aber anders definiert. „Dogmenfrei“ bedeutet für mich, in alle Richtungen bei seinem sportlichen Tun zu blicken, weil das nur bereichern kann. Ich verstehe gar nicht, dass das zum Problem wird! Aber man muss auch nicht in alle Richtungen gucken! Man muss auch diese Seite gar nicht aufsuchen! Es gibt hundert bessere, die von wirklichen Experten bestückt werden!

Doch auch unter diesen werden sich immer wieder Lehrmeinungen finden, die sich widersprechen. Heute noch las ich auf einer langen Zugfahrt, dass man in einem beispielsweise Brusttraining immer mit der schwersten Übung beginnen solle. Vor einiger Zeit riet man mir zum Gegenteil. Was also ist nun die richtige Vorgehensweise? Vermutlich gibt es keine korrekte. Weil einfach mal beides geht und es vollkommen egal ist. Das meiste ist ohnehin ganz einfach eines: vollkommen latte, Hauptsache, man macht überhaupt eine Übung!

Und auch an der Aussage wird sich manch einer stoßen, weil er sich denkt, natürlich ist das alles nicht egal! Stimmt ebenfalls. Darum kann man darüber reden. Aber eben mit Niveau. Stattdessen darf ich mir anhören, das sei alles nicht fundiert und aus dem Kontext gerissen.

Das mit dem Kontext hatte mich getroffen. Denn das könnte stimmen, da war der Text womöglich nicht rund. Ist aber hier und da auch mein Stil. Wer aber viel an Sportliteratur konsumiert, der weiß, dass Schreiben nicht jedermanns Stärke ist, um es schonend auszudrücken. Aber: Natürlich ist es fundiert, was ich an Aussagen raushaue. Ich denke mir die Dinge nicht aus. Auch nicht im Falle des zweiten Artikels, der für Unmut sorgte, was ich absolut nicht nachvollziehen kann.

Es geht um „Laufen, ein einfacher Sport?“. Ich hielt es bis jetzt nicht für möglich, dass man Läufer gegen sich aufbringen kann, da Läufer meist ein angenehmes Gemüt mit sich herumtragen. Laufen ist eine entspannte Angelegenheit und alles andere als verbissen. Ja, auch das ist eine pauschale Aussage. Natürlich muss man pauschalisieren und verallgemeinern! Ich kenne ja nicht jeden Läufer auf dieser Welt persönlich, was man mir nachsehen muss. Egal, um welche Wissenschaft es sich handelt, jede arbeitet mit Modellen und Modelle verallgemeinern – das ist die von mir zu Studienzeiten geschätzte „Ceteris-paribus“-Klausel. Und weil ich natürlich verallgemeinere, weise ich auch jedes erdenkliche Mal darauf hin! Derart oft, dass der entsprechende sich in den Artikeln wiederholende Hinweis den Lesefluss erheblich stört. Aber offenbar gibt es renitente Leser (die es nachher nicht mehr sind, also Leser; renitent durchaus), die das einfach überlesen. Zu unserem Glück: Das gilt nicht für alle, denn die meisten Leser verstehen die Texte so, wie ich sie meine. Ich will doch wirklich nichts Böses und niemandem seinen Sport verleiden. Ich habe Spaß am Sport, in dem ich sooft so vieles falsch gemacht habe, dass ich das gerne weitergeben will. Wem’s nicht passt: auch gut. Aber klar, im Netz beschimpft man erstmal. Warum sind so viele offenbar derart unterfickt, dass sie in den trotz Klarnamens anonymen sozialen Medien ihren quer sitzenden Furz derart raushauen müssen?! Alte Kamelle, das ist bekannt, so geht es im Netz oftmals zu. Aber nur weil es ein alter Hut ist, soll man es nicht mehr ansprechen?! Wo sind wir eigentlich, dass wir so respektlos miteinander umgehen?!

Im Beispiel des Textes über das Laufen stieß auf, dass ich den Vorfußlauf propagiere. Es ist absolut legitim, dass dem nicht jeder folgt! Ich bin zu meiner eigenen Überraschung nicht der Lauf-Messias. Wenn mir jemand sagt, er komme seit hundert Jahren mit dem Fersenlauf gut klar: Super! Ich habe immer geschrieben, dass es das natürlich gibt! Wird aber in der vorauseilenden Wut überlesen. Dass ich die „Laufbibel“ als Lauf-Standardwerk empfehle, würde mich bereits disqualifizieren, schrieb man mir. Ach was für ein zum Himmel kotzender Unsinn! Es ist eine Meinung, mehr nicht. Mir hat das Buch vor Jahren sehr geholfen, mich zu verbessern. Natüüüüüürlich muss das nicht für jeden gelten. Natüüüürlich lädt gerade dieses Buch dazu ein, eine Anti-Haltung zu entwickeln, so wie es ja auch Leute gibt, die jedem zu Weihnachten erzählen, wie beschissen sie Weihnachten finden, obwohl das eigentlich niemand hören will. Dann lass es halt, denke ich dann, aber lass mir meine Besinnlichkeit! Aufs Buch übertragen: Wenn du es scheiße findest, okay! Kack dich doch in einer Amazon-Rezension aus und vergib keine Sterne!

Ich selbst verfolge inzwischen sehr viele „Influencer“ im Netz, die sich ums Laufen oder den Kraftsport kümmern. Ich bin da auch nicht mit allem einverstanden, mache mir aber auch nicht die Mühe, es jedem jedes Mal mitzuteilen. Ich suche mir das für mich Sinnvollste aus allem heraus und teste es an mir. Und so habe ich vor Jahren auch meinen Laufstil verändert, was eine Leserin für absolut leichtsinnig befand! Eine krampfhafte Umstellung dessen sei verletzungsfördernd und leichtsinnig, schrieb sie mir. Abgesehen davon, dass ich nie eine krampfhafte Umstellung empfahl, ist eine Umstellung des Laufstils für nicht wenige der Heilige Gral des Laufens. Tatsache ist, dass viele (ich kenne nicht alle) Laufanfänger schlicht falsch laufen. Mich eingeschlossen. Selbstredend müssen diese ihren Laufstil anpassen! Aber gut, erstmal pampig draufhauen, so läuft das im Netz, das ist mir durchaus klar.

Ich werde hier auf tacko!Seppo immer den Vorfußlauf empfehlen. Warum? Weil ich den Fersenlauf eben nicht empfehlen kann. Wer es andersherum hält: Supi! Es geht um Erfahrungen. Helmut Schmidt hat fast bis zum Schluss geraucht. Hat gut geklappt, für ihn war es der genau richtige Weg. Für andere aber wohl eher nicht.

Dieses Miteinander ist teilweise erheblich gestört. Ich sehe nüchtern betrachtet cainen Grund, so unhöflich miteinander umzugehen. Ist das wirklich immer Neid? Ist das die einfache Erklärung? Ist es Frust? Ich finde es arm und muss mich wohl darüber hinwegsetzen.

Konstruktive Kritik gefiele mir: Wo lag ich richtig falsch, was war völlig daneben? Erklärt es mir, ich setze mich auf jeden Fall damit auseinander!

Aber damit hier kein Missverständnis aufkommt: Auch im Rahmen eines anderen Blogs, das viel mehr gelesen wird als dieser, habe ich die Erfahrung gemacht, dass die angenehmen Leser, die gerne auch kritisch sein dürfen, das Gros der Leserschaft ausmachen. Aber wie das sooft ist: Die Unanständigen sind immer die lautesten. Eigentlich entlarvend.

5 Einträge zu „Mein kleiner Shitstorm: Über Lehrmeinungen im Sport

  • Wer einmal barfuß gelaufen ist, egal welcher Untergrund, wird schnell erkennen wo sein natürlicher Laufstil liegt. Bereich Mittel und Vorfuß! = Urzeitmensch, nix Gelkissen und auf der Ferse aufplumpsen. :-)

    Gefällt 2 Personen

  • Hey,
    habe gerade deinen Blog auf Facebook entdeckt. Für mich als (Teilzeit-)Läufer (1-2 Mal die Woche zwischen 25 und 45 Minuten gemütlich joggen) eine sehr inspirierende Wissens- und Motivationsquelle.

    Ja, die guten alten Lehrmeinungen. Dasselbe ist es mit Diäten. Experte A sagt: Low-Carb. Experte B sagt: Low-Fat. Der Experte C sagt: Mittelmeerdiät. Und nun? Auf welchen Experten soll ich hören? Welche ist denn die richtige Diät?

    Richtig ist die, die mir dauerhaft hilft, Gewicht zu verlieren und zu einem gesünderen Leben zu finden. Punkt. Nächstes Thema, Betriebssysteme. Linux, macOS oder Windows? Was nun? Kommt drauf an was man machen will, würde ich sagen. Jedes OS hat seine Vor- und Nachteile. Es gibt nicht DAS perfekte OS.

    Dasselbe ist die Frage nach dem besten Auto. Das was für jemanden gut ist, muss noch lange nicht für jemanden anderen genauso gut sein. Selbst Experten sind sich in vielen Bereichen nicht einig, aber ein Dutzend selbsternannter Internetphilosophen meinen, sie wüssten alles und hätten das Recht, auf andere Meinungen draufzudreschen.

    Solle man doch selbst einen Blog, YouTube Kanal oder ähnliches aufziehen und es selbst dann besser machen.

    Never retreat, never surrender!

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  • Jedem Menschen recht getan……
    Und die Laufbibel hab ich verschlungen wie einen Krimi. Hat mir extrem viel geholfen in meiner läuferischen Entwicklung. Für mich DAS umfassende Buch vor Allem weil es auch die Zusammenhänge, Auswirkungen, Maßnahmen, etc. in allen Bereichen super erklärt. Kapierst du erst worum es geht, machst du es aus Überzeugung.
    Motivation ist etwas Wunderbares. Obwohl mitunter hoch ansteckend :-)

    Gefällt 1 Person

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