Laufen – ein einfacher Sport?

Dass ich vor 17 Jahren ans Laufen geraten bin, hat neben einigen anderen einen sehr simplen Grund: Laufen kann im Grunde jeder. Das liegt womöglich daran, dass wir genau zu diesem Zwecke über zwei Beine verfügen, aber noch mehr liegt es in der Evolution begründet. Blieben unsere Urahnen stehen, waren sie dem Tode geweit. Der Mensch war ein Läufer.

Kein besonders schneller, aber ein ausdauernder. Die Anlagen dazu hat er noch immer.

Ein Gepard bringt es auf bis zu 120 Stundenkilometer, ein Feldhase auf immerhin 70 und selbst ein so träge wirkendes Nashorn beschleunigt auf bis zu 50km/h! Der Mensch schafft lediglich 44,72 (Usain Bolts Maximum auf 100 Meter). So gesehen ist er leichte Beute und ein langsamer Jäger. Sein Vorteil aber ist seine Ausdauer: Einen Geparden könnte er über einen derart langen Zeitraum verfolgen, bis dieser aus der Puste gerät und aufgibt, während der Mensch noch weiterläuft. Wir sind:

Dauerläufer

Ich schenke mir an dieser Stelle die Hektolitanei darüber, dass wir das dauerlaufen verlernt haben, dass wir nur noch sitzen, das Sitzen das neue Rauchen und das Rauchen im Sitzen das neue Rauchen während des Rauchens ist. Alles schon gehört. Meine Motivation damals war dennoch, meinen Körper zu reaktivieren und meine Kondition auf ein für einen 22-Jährigen annehmbares Niveau zu heben. Das war ein für mein damaliges Ich ungewohntes Denken: Es war mein erstes sportliches Denken! Und da mir bewusst war, dass ich für die meisten klassischen Sportarten, wie Fußball oder den damals in meinen Kreisen weit verbreiteten Handball schlicht zu doof und ungeschickt war (heute nicht anders), fiel meine Wahl auf das Laufen, da ich mir dachte, das könne ja nun wirklich jeder Idiot.

Idioten laufen!

Ich sehe es heute mit Einschränkungen noch genau so. Beim Laufen ist keine Geschicklichkeit nötig. Spielregeln sind nicht vorhanden. Und man kann diesen Sport allein betreiben, wenn man nicht zu Mannschaften neigt. Falls doch, läuft man eben in einer Gruppe mit dem Nachteil, sich immer deren Tempo unterordnen zu müssen. Beim Laufen kann man sich ideal erst einmal selbst ausprobieren, ohne dass jemand dabei zusieht. Ein Plus für eher sportphobe Menschen.

Und so legte ich los. Niemand sah zu, niemand sagte mir, wie es geht. Meine erste Laufstrecke war ein See in einem Vorort Münsters, der Steinersee mit einem Umfang von 1,8 Kilometern. Ihn zu umrunden, war mein erstes Ziel.

Nach nicht einmal der Hälfte musste ich eine Gehpause einlegen, die ich bis zum Schluss durchzog. Deutlicher konnte mir mein Körper mein totales Unvermögen, mein Versagen nicht vor Augen halten. Für einen nicht einmal Mittzwanziger ein Debakel, eine Schlappe, eine Schande. Wie degeneriert kann man sein?! Dieses sich Gehenlassen käme für mich heute keinesfalls mehr in Frage!

Die Motivation hatte mich gepackt!

Das jedoch war Anlass für mich, diesen Zustand zu beenden und so kämpfte ich mich Tag für Tag einige Meter weiter. Wie auch beim Kraftsport erntet man gerade beim Laufen schnell erste Erfolge, sodass die Komplettumrundung des Sees schnell geschafft war. Irgendwann lief ich neun mal um den See, was für mich damals ein bombastischer Erfolg war! Allein dieser beweist, dass Laufen wirklich ein einfacher Sport ist. Ohne das Zutun eines anderen hatte ich ein für mich eigentlich utopisches Ziel erreicht. Aus einem Wrack wurde ein Turbo! Der dann ins Stottern geriet:

Etwa zehn Jahre später bekam ich Knieprobleme. Laufkritiker fühlen sich an dieser Stelle allerdings zu Unrecht bestätigt. Immer wieder höre ich, Laufen schade den Gelenken, insbesondere den Knien. Das ist offen gesagt unsagbar großer Unsinn, der jeder Grundlage entbehrt und nur von Idioten propagiert wird, die irgendwo irgendwelche Überschriften im Netz gelesen haben. Tatsache ist: Das Nichtbenutzen der Gelenke führt zu Schäden. So sind auch Rückenschmerzen in aller Regel das Ergebnis einer viel zu schwachen Rückenmuskulatur (durch das neue Rauchen). Gelenke, die nicht bewegt werden, rosten genauso ein. Erst durch ihre Beanspruchung kann die Gelenkflüssigkeit überhaupt erst ihre Funktion erfüllen. Zu glauben, Knieschmerzen seien ein willkommener Grund, auf jegliche Belastung zu verzichten, ist ein Fehler (Einzelfall beachten! Es gibt freilich Erkrankungen und Verletzungen, die schwerwiegend sind!)!

Warum aber hatte ich dann wie so viele andere Läufer Knieschmerzen, die ein Weiterlaufen unmöglich machten? Mit der Antwort kommen wir zu meinem Lieblingsthema im Bereich des Laufens.

Der Vorfußlauf

Wir alle gehen falsch. Schuld ist unser Schuhwerk, dass es dem Fuß nicht erlaubt, seine Aufgabe zu erledigen. Wir gehen und laufen fast alle grundsätzlich auf der Ferse. Beim Gehen ist das noch kaum ein Problem, beim Laufen oder Rennen hingegen wird es eines. Beobachtet Euch selbst oder andere beim Joggen: Ihr werdet sehen, dass die meisten zum einen zuerst mit der „Hacke“ auf dem Boden aufkommen und zum anderen das auftretende Bein dabei voll durchgestreckt ist. Und exakt das ist des Pudels Kern. Das durchgestreckte Bein führt dazu, dass der enorme Aufprall vollumfänglich vom Kniegelenk aufgefangen und absorbiert wird. Das Knie muss tempoabhängig das bis zu Vierfache des Körpergewichtes ruckartig auffangen. Dabei geht es im Laufe der Zeit: kaputt.

Die Schuhindustrie reagierte mit dick gepolsterten Sohlen ihrer Laufschuhe. Diese über die Jahrzehnte immer fetter gewordene Dämpfung gilt inzwischen als überholt und im Grunde auch schädlich: Der Trend geht nun ins andere Extrem – „Barfußschuhe“.

Denn barfuß laufen wir „natürlich“. Wer barfuß losrennt, wird sofort feststellen, dass er nicht mit der Ferse als erstes den Boden berührt, sondern mit dem Mittel- oder dem Vorfuß. Das hat den wünschenswerten Effekt, dass wir das auftretende Bein eben nicht durchstrecken, sondern leicht angewickelt belassen. Das hat zwei Effekte:

Der sportliche Effekt ist der, dass wir auf diese Weise uns nicht wie beim durchgestreckten Bein unnötig abbremsen (da es dem Körperschwerpunkt vorgelagert aufkommt), sondern dass wir uns viel zügiger wieder vom Boden abstoßen. Das Lauftempo ist ein automatisch und mühelos schnelleres! Der andere Effekt betrifft Knie und Fuß. Das Knie wird dabei kaum belastet. Die Last trägt nun der Fuß und der ist dafür wie gemacht; es ist seine Aufgabe und eben nicht die des Knies.

Wir landen mit der natürlichen Dämpfung des Fußes, der einen Teil der aufprallenden Kräfte in unsere Waden weiterleitet. Unsere Waden sind bekanntermaßen kein Gelenk, sie sind ein Muskel, namentlich Musculus gastrocnemius. Der ist bei den meisten von uns eher schwach ausgebildet und genau das werden Läufer, die „richtig“, also auf Vor- oder Mittelfuß laufen, anfangs spüren!

Infolge meiner Knieschmerzen las ich mich in die Thematik ein und fand auch bei Youtube haufenweise Hinweise darauf, dass der Fersenlauf ihre Ursache sein könnte. Ich nahm mir von einen auf den anderen Tag vor, ab sofort nur noch auf dem Vorfuß zu laufen. Unvergessen bleibt mir mein erster Versuch! Ich kam mir vor wie der letzte Idiot, so unnatürlich fühlte sich mein Laufen an. Zudem war es auf ungeahnte Weise anstrengend. Sobald man seinen Laufstil auch nur minimal verändert, werden andere bislang verschont gebliebene Muskeln beansprucht, die darauf gar nicht vorbereitet sind. Und so schmerzten am Tag nach jenem Lauf meine Waden derart, dass ich am Morgen gar nicht aus dem Bett kam.

Das war ein ganz klassischer Muskelkater! Für meine Waden war es neu, dass sie fürs Laufen gebraucht wurden, das haben sie mir deutlich signalisiert. Und so waren die ersten Wochen mit dem neuen Laufstil ein Höllenritt, der sich aber von Tag eins an bereits ausgezahlt hatte: Die Knieschmerzen waren umgehend verschwunden und sind bis heute nicht ein einziges Mal wieder aufgetreten.

Nach wenigen Wochen hatte sich mein Körper auf den neuen Stil eingestellt. Die Waden legten an Volumen zu, sodass das Abfedern für sie kein Problem mehr darstellte. Beim Blick auf meine gelaufenen Zeiten stellte ich fest, dass ich im Schnitt nahezu ein um eine Minute höheres, also schnelleres!, Lauftempo erreichte – ohne, dass ich das forciert hatte!

Fazit

Laufen ist einfach. Doch machen so gut wie alle Laufanfänger Fehler, die niemand korrigiert, eben weil man meist allein unterwegs ist. Diese Fehler schleppen sie, wie ich ja auch, über Jahre mit sich herum, ohne um diese zu wissen. Darum empfehle ich dringend, sich mit Literatur einzudecken und hier und da bei Youtube nach „Vorfußlauf“ zu suchen. So ganz unwichtig ist die Lauftechnik dann eben doch nicht.

Doch eines bleibt: Man kann sofort loslegen und das jederzeit! Und immer daran denken: Beim Laufen soll es nicht nur ums Abnehmen gehen (Laufen ist auch kein idealer Sport, um Gewicht zu verlieren), sondern es soll vor allem um das Gefühl einer gewissen Freiheit gehen. Laufen ist mehr, Laufen ist eine Philosophie. Je weiter ihr laufen könnt, desto klarer wisst Ihr, was ich damit meine. Ein Nicht-Läufer wird das nie nachvollziehen können, was Läufer auch als „Runner’s High“ bezeichnen!

„Die Laufbibel“

Klare Buchempfehlung von mir ist „Die Laufbibel: Das Standardwerk zum gesunden Laufen“ aus dem Verlag „Spomedis“ von Matthias Marquardt, seines Zeichens Internist und Sportarzt. Der Titel des Buches ist einigermaßen unglücklich und vielleicht etwas größenwahnsinnig, doch die mehr als 500 Seiten lohnen sich für knapp 30 Euro. Ich erhalte kein Geld für diese Empfehlung und lege Euch außerdem „Natural Running: Schneller, leichter, schmerzfrei“ desselben Autors und selben Verlags für knapp 20 Tacken ans Herz. In jenem Buch geht es besonders um den richtigen Laufstil, während die Laufbibel wirklich alles rund um den Laufsport thematisiert. Laufen ist vermutlich neben Schach der günstigste Sport, da ist ein wenig Literatur sicherlich drin!