Das Wildschwein: der einzige Feind des Läufers

Um das einmal direkt vorabzuschicken: Zwar liest man immer wieder, dass die Begegnung mit einem Wildschwein in der freien Laufbahn relativ ungefährlich ist, doch nutzt einem dieses Wissen nichts, wenn so ein Panzer vor einem steht!

Die Läufer-Nahrungspyramide

Die Rangordnung unter den Sportlern im Freien sieht den Läufer nahezu an der Spitze der Nahrungspyramide. Ganz unten stehen die Fußgänger, also Spaziergänger. Diese kann man meist während eines Laufes ignorieren, da sie sich aufgrund Ihres übersichtlichen Tempos in der Regel in vorhersehbaren Bahnen bewegen. Ich schätze sogar Läufe durch die Münsteraner Innenstadt, wo ich es mir zur Herausforderung mache, Fußgänger immer haarscharf zu umschiffen, was ein bisschen was von Parkourlaufen hat! Inzwischen habe ich auch gelernt, dass es das Gegenteil bewirkt, ruft man kurz vor dem Überholvorgang:

„Vorsicht, nicht erschrecken!“

In dem Falle erschrecken sich die Menschen und hasten zur Seite – mitunter zur genau falschen mitten in meine Laufschneise!

Platz zwei von unten in der Pyramide belegen die Walker. Vor 20 Jahren habe ich sie noch belächelt, doch mit gewachsener Reife meinerseits ist auch meine Achtung vor diesem Sport gewachsen. Zur Gefahr werden sie jedoch nicht, es sei denn, sie treten in (Senioren-)Gruppen auf und kommen einem entgegen! Dann hat man im Grunde als Läufer keine Chance, denn Walking-Gruppen walken nie auf nur einer Seite eines Weges sondern auf dessen kompletten Breite. Ein Walking-Rudel wird oftmals angeführt von einem, naja, Anführer, der immerhin bei Gegenverkehr auf sich und seine Gruppe rufend aufmerksam macht. In so einem Falle wirft man sich als Läufer einfach in den nächsten Busch und wartet, bis alles vorbei ist. Was dauern kann …

An dritter Stelle in der Nahrungspyramide stehen die Radfahrer, die in Münster selbstverständlich vor allen anderen Menschen Vorrang haben, was ich auch durchaus gutheiße. Sie zu umschiffen ist deutlich schwieriger, da man als Radfahrer in Münster immer nur die nächsten zwei Wegmeter vorausplanen kann. Wo sich ein Radler also weitere vier Meter später befindet, weiß nicht einmal der Kosmos. In diesem Falle kann man als Läufer nur das Beste hoffen und die Ellbogen ausfahren. Denn auch wenn ein Fahrrad technisch in der Lage ist, sich schneller als ein Läufer zu bewegen, wird dieses Geschwindigkeitsmaximum von den wenigsten Fahrradpassagieren voll ausgenutzt – Radfahrer kann man laufend durchaus überholen.

Nun folgt der Läufer in unserer Betrachtung und stünde ganz oben, würden da nicht noch die Wildschweine den ersten Platz belegen.

Wir können uns mit Fußgängern anlegen, auch mit Walkern. Aber mit Wildschweinen?! Auf gar keinen Fall. Denn der Mensch zieht den Kürzeren, da Wildschweine Bestien des Todes sind. Wildschweine sind auf diesem Planeten mit dem einzigen Zweck zugegen, Menschen brutal anzufallen und zu zerfleischen.

Man könnte darüber schmunzeln, aber tatsächlich erliegen immer wieder Menschen Wildschwein-Attacken, auch wenn der Mensch in aller Regel nicht ins Beuteschema der miefenden Todesengel passt. Im Grunde wollen sie nur ihre Ruhe haben und setzen meist ihren Weg unbeirrt fort, wenn sie auf Menschen treffen.

Meine erste Begegnung beim Laufen mit einem Wildschwein liegt nun etwa eineinhalb Jahre zurück. Es war am Rande Brandenburgs. In Falkensee, um es genau zu sagen. Dort übrigens sprechen die Förster in der Tat von einer Wildschweinplage, mit der man aktuell auch bei Potsdam zu kämpfen hat.

Zunächst roch ich etwas, das mich an Mist beziehungsweise hochkonzentrierten Urin erinnerte. Später las ich, dass man Wildschweine tatsächlich vorher riechen kann: Sie röchen nach „Maggi“-Würze! Für mich riecht Maggi also nach Urin. Oder mein Urin nach Maggi?! Wie dem auch sei, weiter des Weges sehe ich drei Probleme meine Laufbahn kreuzen, nämlich Wildschwein-Frischlinge. Und ich wusste natürlich, dass sich Wildschwein-Säue umgehend in einen Todessturm begeben, sobald sie ihren Nachwuchs in Gefahr wähnen.

Naiv wie ich war, lief ich noch ein Stückchen weiter, weil ich dachte, naja, vielleicht waren es ja kleine Füchse. Als dann die Sau den Weg kreuzte, wusste ich, dass es sehr wahrscheinlich keine Füchse gewesen waren. Die Sau starrte mich an und schnaufte. Ich blieb natürlich stehen und schnaufte nicht. Ich hatte gehofft, die Sau hält mich für einen Baum, wenn ich mich nicht bewegte.

Doch sie war schlauer, als ich mir erhofft hatte, denn sie nahm nun an Fahrt auf, als sie sich auf mich zubewegte, sodass ich mich zur Flucht entschied. Hier sollte man wissen, dass der Mensch wie sooft der Langsamere von beiden ist: Wildschweine sind schneller. Mein Kalkül jedoch bestand aus zwei Elementen:

Erstens: Stehenbleiben konnte ja auch keine Lösung sein.

Zweitens: Ich war nicht weit entfernt von einer Straße nebst Wohngebiet. Ich sprintete also wenige Sekunden, in denen ich das Getrappel der Sau hinter mir hören konnte, die dann jedoch von einer weiteren Verfolgung absah. Das war einfach Glück.

Eine zweite Begegnung, gleiches Waldstück, verlief anders, nämlich so, wie Förster mir immer versprachen: Die Sau interessierte sich nicht für mich. Wieder roch ich vorher diesen mistigen Geruch. „Nicht schon wieder!“, dachte ich und tatsächlich sah ich etwa 20 Meter entfernt ein Wildschwein stehen. Eber, Sau – ich weiß es nicht. Es stand nur so da und guckte. Ich stand ebenfalls nun so da und guckte auch. Hin- und hergerissen zwischen Flucht und Neugierde. Ich nehme immer sehr gerne Kontakt zu Tieren auf, bei Wildschweinen ist das vielleicht doof.

Ich rannte dieses Mal nicht fort, ich ging. Möglichst unauffällig. Guckte mich ein-, zweimal noch um und sah, dass das Tier verweilte. Es bestand also keine Gefahr. Doch diesen Wald betrete ich seitdem nicht mehr. Aus einem ganz einfachen Grund:

Natürlich hat mein Umfeld sich über diese Ereignisse belustigt. Hätte ich auch! Aber in dem Moment, wo so ein großes Tier, denn das sind sie: groß!, vor einem steht, macht man sich in die Hose. Denn sie sehen sehr, sehr unfreundlich aus. Ein drittes Mal wollte ich mein Glück daher nicht herausfordern! Das mag vielleicht überzogen sein, aber man muss es vielleicht einmal selbst erlebt haben!

Was tun, wenn die Sau kommt?

1.) Ignorieren und weiterlaufen

Und auf keinen Fall sollte man sich den Frischlingen nähern und noch weniger eines mitnehmen, auch wenn sie so putzig sind. Die Sau weiß, wo Du wohnst! In der Regel übrigens verpissen die Tiere sich selbst lange, bevor wir sie wahrgenommen haben. Sie werden durch ihren Geruchssinn schneller aufmerksam auf uns als wir auf sie. Und da sie Flucht immer dem Angriff vorziehen, ziehen sie meist weiter.

2.) Ruhe bewahren

Jaja, das ist so ein Standard-Tipp. Der Tod ist nahe und man möge doch bitte dennoch Ruhe bewahren! Hektische Bewegungen allerdings könnten das Wildschwein dazu veranlassen, ebenfalls in eine gewisse Hektik zu geraten. Die Keiler, also die männlichen Exemplare, verwenden viel Energie darauf, den Aggressor (den Läufer) umzuwerfen. Dann erst kommen seine extrem scharfen Zähne zum Einsatz. Und das kündigen sie an zunächst mit einem Schnauben und dann mit einem Klappern der Zähne, während ihr Schwanz nach oben gestellt ist: Gefahr in Verzug! Jetzt wird’s brenzelig.

3.) Knüppel aus dem Sack

Die Chancen stehen nun für den Menschen schlecht. Sollte sich ein bekletterbarer Baum in der Nähe befinden: rauf! Viele Förster empfehlen daneben, dem Schwein eins mit einem Ast überzubraten, um etwas Zeit zu gewinnen. Solltet Ihr eine Schusswaffe bei Euch tragen würde ich zum Schuss raten. Entweder Ihr trefft, oder aber der Krach des Schusses (Schalldämpfer weglassen!) erschreckt das Tier derart, dass es das Weite sucht. Keine Waffe dabei? Dann hilft es, mittels Händeklatschen Lärm zu verurachen. Meist verziehe sich das Tier dann.

4.) In einen See hüpfen?

Sofern ein See zufällig in der Nähe ist: nein. Denn Wildschweine sind nicht nur die besseren Jogger, zu allem Überfluss können Sie auch noch schwimmen. Man selbst sollte im Übrigen vor dem Spung ins Wasser noch einmal checken, ob man überhaupt schwimmen kann.

Abschließend noch der Hinweis für Läufer mit Hunden: Der Hund ist umgehend an die Leine zu nehmen, ansonsten nimmt die Begegnung auch für ihn ein unschönes Ende.

2017 übrigens wurde 31 Menschen Opfer von Jägern. Man kann sich aber wirklich auf niemanden mehr verlassen!

2 Einträge zu „Das Wildschwein: der einzige Feind des Läufers

  • Der einzige Feind des Läufers? Na ja, ich wurde schon zweimal beim Joggen hinterrücks von einem Bussard (war wohl eher eine Bussardin, die ihre Brut in Gefahr sah) angeriffen. Auch ein Ereignis, das sich lustiger anhört, als es war

    Gefällt 1 Person

  • Es ist echt eine ernste Sache, wenn Wildschweine angreifen. Ich sah auch, wie schlimm ein Auto aussehen kann, nachdem ein Wildschwein sauer auf den Wagen war…es ist fast nicht zu glauben.
    Dennoch mußte ich mich wieder kringeln, weil du die Gefahr so humorig beschrieben hast – Danke dir😊
    LG Elisabeth

    Gefällt 1 Person

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